Die Mahnwache

Veröffentlicht auf von stuttgart-steht-auf

 

Die Mahnwache scheint Menschen magisch anzuziehen. Wissbegierige, Diskussionsfreudige, Neugierige, Froehliche, Traurige, Schlaflose, Einsame, Aggressive, Gefrustete, Schuechterne, Betrunkene, seelisch und koerperlich Kranke. Mitunter nicht einfach, weil die MahnwaechterInnen viel Negatives mitbekommen und neben den frohen und humorvollen Momenten auch eine Menge trauriger Geschichten hoeren und miterleben. Frust und Aggressionen werden abgeladen, Zweifel geaeussert und so manche Diskussionen, die sich immer und immer wieder ergeben, zerren an den Nerven derjenigen, die hinter dem Informationstisch stehen.

 

So kam dieser Tage ein arbeitsloser Mann, ein Franzose, an die Mahnwache, der zur Beerdigung seiner Tochter ins Ausland fahren musste und als er nach fuenf Wochen wieder heim kam, sein Appartment los war. Gekuendigt, all seine Sachen waren weg und er zeigte uns einen Brief, nach dem er bis. 5.5. das Recht auf eine Notunterkunft haette. Er sagte, dass er nicht verstehe, dass einerseits Milliarden verbuddelt werden und andererseits Menschen auf die Strasse gesetzt werden. Ich weiss natuerlich nicht, was im Vorfeld passiert ist, aber diese Geschichte hat mich sehr bewegt, weil es klar macht, wie schnell jemand in groesste Schwierigkeiten kommen kann.

 

Grundsaetzlich schwierig wird es fuer die Mahnwache an den Wochenenden. Kommt es unter der Woche hin und wieder - vor allem nachts -  zu Zwischenfaellen, so treten sie oft von Freitag bis Sonntag geballt auf. Horden von Jugendlichen oder junger Erwachsenen ziehen voellig betrunken auf dem Weg von der Disco zu den Taxis, S-Bahnen oder Zuegen an der Mahnwache vorbei. 

 

Manche nur skandierend, andere beleidigend und provozierend, gehen ohne jegliche Vorwarnung auf Angriff, andere stellen "nur" Fragen, die wir zum gefuehlten 2.572. Mal beantworten: Wo seid ihr vor 15 Jahren gewesen, warum steht ihr jetzt erst auf? Warum instrumentialisiert ihr Kinder? Warum arbeitet ihr nicht?

 

Die Kriminalisierungen uns gegenueber haben sich breit in der Bevoelkerung eingeschlichen.  

 

Bei etlichen habe ich den Eindruck, es ist ihnen egal, warum und fuer was wir dort stehen. Sie brauchen ein Ventil und es wird gezielt vor dem Mahnwachenzelt geoeffnet, um Aggressionen aller Art abzulassen. Andere scheinen ein paar Informationen zu Stuttgart 21 zu haben und plappern das nach, was ihnen eingeredet wurde. Dann gibt es den Anteil, der zielsicher an die Mahnwache marschiert, um sofort wutschaeumend ohne Punkt und Komma verbal auf uns einzuschlagen, ohne uns die Gelegenheit zur Antwort zu geben. Da kommt oft der Verdacht auf, dass wir ihnen Angst machen. Wir bringen ihr bisheriges geordnetes Weltbild durcheinander und auch wenn sie teilweise ahnen, dass wir Recht haben koennten, verdraengen sie es gerne und sehen in der Mahnwache den Inbegriff der "Andersdenkenden", die es zu bekaempfen gilt und denen sie keinerlei Rechte zugestehen wollen.

 

Das Fruehlingsfest fuellt den Bahnhof und die Klettpassage mit  ungeahnten Massen betrunkener Leute zu bestimmten Nachtzeiten. Gestern nacht habe ich neben den ueblichen Verdaechtigen in Lederhosen, die an die Mahnwache kamen um Randale zu machen, PolizistInnen beobachtet, die vom Nordausgang in die Klettpassage oder umgekehrt hetzten oder mit Sirenengeheul angefahren kamen und in die Klettpassage rannten, Notarzt- und Krankenwagen, die mit Karacho an den Nordausgang fuhren, um dann in fliegender Hast mit ihren Erste-Hilfe-Koffern in die Bahnhofshalle zu rasen.

 

Vorgestern gab es einen Angriff auf einen Mahnwachenbesucher, als ein paar Halbbetrunkene an der Mahnwache aggressiv aufgetreten waren. Zwei Polizisten, die eben aus dem Nordausgang kamen, stuerzten sich auf den Taeter, bevor er nochmals auf Angriff gehen konnte und er bekam bei seiner Gegenwehr dann die volle Polizeipower zu spueren. Wie es geendet haette, waeren sie nicht zufaellig vor Ort gewesen...

 

Letzte Woche am Dienstag hat mich waehrend des Dienstes ein Mann mit 10-Monats-Bierbauch bedroht. Er spuckte mehrmals vor mir aus und nach Aufforderung, das sein zu lassen, liess er seine Muskeln spielen, kam ganz nahe heran und meinte mir sagen zu muessen, ich solle den Mund halten und verschwinden (er benutzte andere Worte, die ich hier nicht wiederholen moechte). Ich hab seinem Blick standgehalten und ihm mit der Polizei gedroht, wenn er nicht nicht sofort ein paar Schritte zurueckgehe. Er ist schlussendlich zurueckgetreten, aber es war ihm noch eine Weile anzusehen, dass es in ihm arbeitet und er am Ueberlegen war, wie er uns schaden koennte. Wir waren dann natuerlich alarmiert und haben ihn nicht mehr aus den Augen gelassen und nachdem ihm das klar geworden ist, hat er sich irgendwann entschlossen, zu verschwinden.

 

Es gibt unzaehlige solcher Beispiele, die ich in den vergangenen Monaten erlebt habe und ich bin nur einen Bruchteil in der Woche dort.

 

Aber trotz alldem - es macht Spass. Es gibt wunderbare, oft stundenlange Unterhaltungen, viele Infos finden ihren Weg zu uns (nicht nur umgekehrt). Es tauchen immer wieder diejenigen auf, die ich schon seit letztem Sommer kenne und mit denen ich mich gut verstehe. Meistens ist die Laune sehr humorvoll und es gibt viel zu Lachen. Auch mit dem einen oder anderen Befuerworter gab es spannende Diskussionen und am Ende konnten wir beide die Ansichten des anderen stehenlassen oder wir fanden sogar Punkte, in denen wir uebereinstimmten - vielleicht nicht zum Thema Stuttgart 21 selber, aber es gibt durchaus auch dort Stimmen, die den 30.9. absolut nicht gutheissen oder die zumindest anerkennen, dass wir einiges geleistet und Durchhaltevermoegen haben und die die Kriminalisierungen nicht kritiklos glauben oder freundlich nachfragen, was denn daran stimmt und was nicht. Ebenso gab es Leute, die anfangs aggressiv auf uns zukamen, im Lauf der Gespraeche aber gemerkt haben, dass wir trotz unseres Festhaltens an Park und Kopfbahnhof keine Aliens sind, die Stuttgart in Schutt und Asche legen wollen, sondern es sich tatsaechlich gut mit uns reden laesst. Das sind so Momente, in denen klar wird, warum die Mahnwache (neben ihrer Funktion als Infopunkt) so wichtig ist nicht nur fuer unseren Protest, sondern auch fuer alle StuttgarterInnen.


Besonders freue ich mich immer ueber die abendlichen Schokispenden, die uns ueber die kalten Zeiten geholfen haben und die jetzt an den waermeren Abenden genaus gerne entgegen genommen, meistens sofort verteilt und von allen mit Genuss gegessen werden. Immerhin ist Schokolade Nervennahrung und die koennen wir ganz gut brauchen.

 

Zum Abschluss noch ein Wort zum Mahnwachengaertchen, das Timo, Ruth Evers und andere so fleissig angelegt haben. Es wurde bereits berichtet bei Bodenfrost "Guerrilla Gardening: Der Mahnwachengarten" link. Das 1000-Liter-Fass fuer das Giesswasser steht mittlerweile auch - am Montag vor der Demo bitte eine Flasche Leitungs- oder Regenwasser mitbringen und einfuellen, damit wir in trockenen Zeiten die Pflaenzchen giessen koennen.

 

Ich finde unsere Beharrlichkeit, mit der wir staendig Neues an den Stellen erschaffen, an denen die Verantwortlichen des Projekts Stuttgart 21 Lebendes vernichten, geradezu genial. Genau genommen ist es eine Art Blockade. Wir besetzen die schlechte Atmosphaere, die der Zerstoerungswahn anderer hinterlassen hat mit neuem Leben und neuer Hoffnung. Ein schoener Gedanke!

 

Abschliessend noch ein Bild des Mahnwachengaertleins. Leider habe ich versaeumt eines von Timos Monte Scherbelino im zweiten Beet zu machen. (Nachtrag 2.5. - jetzt hab ich ein Foto, s.u. - selbst da wurde bereits etwas eingepflanzt).

 

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Veröffentlicht in Protest-Infos

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Ingrid 05/03/2011 01:40


Aber ohne die fleißigen MahnwächlerInnen, hoffe ich! Oder fühlst Du Dich museumsreif? :-))


stuttgart-steht-auf 05/03/2011 01:52



Huelfe... nicht doch! Ich koennte auch nicht im Museum als Mahnwaechterin stehen, denn ich hab noch etliches anderes vor dann, sprich keine Zeit *lol*



Ingrid 05/03/2011 01:16


Vielen Dank für den wunderbaren Stimmungsbericht von der Mahnwache! Genau so ist es ... :-))

Und auch hier nochmal eine meiner Lieblingsparolen von den Demos: "Gegen unsere Lebendigkeit seid Ihr machtlos!"
Ich kann das gar nicht oft genug wiederholen :-)


stuttgart-steht-auf 05/03/2011 01:30



Langweilig ist es jedenfalls nicht dort, so viel ist gewiss und deine Lieblingsparole triffts auf den Punkt :) Ich hoffe, dass das Mahnwachen-Zelt, wenn Stuttgart 21 gekippt ist, genauso wie es
jetzt da steht mitsamt Tischen und Ordnern, Pinwaenden und Flyern ins Museum kommt...