Fluegel-TV - ein Teil Stuttgarter Protestgeschichte

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Oder wie der Stuttgarter Widerstand Flügel bekam:

 

Im August 2010 wurde im Gebäude gegenüber dem Bahnhof an der Heilbronner Straße eine kleine Cam vorm Fenster aufgestellt und Echtzeitbilder des Nordflügels mittels eines Live-Streams im  Parkschützerforum verlinkt, vorgestellt. Ein äußerst wichtiger Beobachtungsposten für alle, die nicht ständig vor Ort sein konnten, sei es, weil sie weiter entfernt wohnten, krank waren oder einfach nur wissen wollten, wann es Zeit wäre, in die Bahn oder ins Auto zu springen, um vor Ort präsent zu sein.

 

Die Folge war eine ewig gähnende ParkschützerInnen-Gemeinde, weil wir uns in unserer Sorge, die Bagger könnten schneller sein als der Alarm, nicht mehr vom Laptop losreissen konnten und halbe Nächte daran verbrachten, fassungslos, traurig, zornig, müde. Damals gab es noch die Kommentarfunktion daneben, in denen teilweise ganz gute Unterhaltungen, aber oft eben doch sehr unterirdische Gespräche auf Tunnelniveau zu verfolgen waren - letzteres meistens dann, wenn sich diverse S21-Befürworter einloggten. Mit der Zeit haben wir gelernt, das weitestgehend zu ignorieren, um unsere Energien auf Wichtigeres zu richten.

 

Der Nordflügel wurde für einen Abend besetzt und fiel danach unter viel Getöse, Staub, Pfeifengetriller und Buuh-Rufen. Straßenkreuzungen wurden von zornigen MutbürgerInnen besetzt, vom Bahnhofsdach  sonnenschirmschwingende AktivistInnen heruntergeholt, kurz darauf sassen wieder drei auf dem großen Bagger vorm Nordflügel. Täglich wurden LKWs blockiert in aller Frühe, die Mahnwache war rund um die Uhr besetzt - alles zu sehen über Fluegel-TV. Hin und wieder wackelte das Bild wie bei hohem Seegang, wenn R. die Kamera wieder mal ausrichtete.

 

Danach war die Nordflügel-Cam nicht mehr so oft in Betrieb, denn der Platz war in der Folgezeit ziemlich verwaist. Dort, wo zuvor noch DemonstrantInnen übernachtet hatten auf dem Rondell und Gitarre gespielt wurde, morgens das Blockadefrühstück vor dem Bauzaun mit den vielen Plakaten aufgebaut wurde, Polizei-Wannen ein- und weg fuhren, Polizisten BlockiererInnen weg schleppten, vorbeifahrende Autos solidarisch hupten, wurde es still, die Mahnwache stand ziemlich einsam des Nachts dort bei Wind, Wetter, Kälte, fliegendem Laub und fallendem Schnee. Das Versorgerzelt dahinter brach unter der Schneelast in sich zusammen. Die Demos verlagerten sich vom Platz vor der LBBW auf die Schillerstraße.

 

Aber vorher so ab Ende August verlegten sich fast alle Aktivitäten in den Park hinüber, weil dort Bäume gefällt werden sollten. Also nahm R. einen Bollerwagen, packte die Kamera hinein und ging mit P., dem Moderator in den Park. Dort wurde gefilmt und interviewt, schnell war der geflügelte Bollerwagen allen ein Begriff. In ruhigen Momenten wurden Politiker und Leute aus dem Widerstand zu Gesprächen eingeladen, die halb sitzend, halb liegend in/auf unbequemen Säcken Stellung bezogen - gegen und für Stuttgart 21.

 

 

Auch am Schwarzen Donnerstag im Park war der Bollerwagen dabei und filmte, was das Zeugs hielt, er fuhr mit dem Sonderzug und vielen reiselustigen Leuten nach Berlin, rollte bei den Demos mit, war bei der Südflügelbesetzung, den Schlichtungsgesprächen und beim Untersuchungs-Ausschuss von Anfang an dabei. Die Weihnachts- sowie die Sylvesterfeier im Park wurde begleitet und nun trägt er die Infos für K21 ins Wahlkampfländle, entlastet durch die Cams21-Frauen und Männer, unseren fliegenden ReporterInnen. Manche sind mit dem Fahrrad und befestigten Kameras an den Helmen, andere auch zu Fuss mit teuren Kameras oder Handys unterwegs. Das alles können wir in Echtzeit im Netz verfolgen.

 

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Mittlerweile ist die Nordflügel-Cam wieder in ständiger Aktion, denn es geht nun um die letzten Bäume dort. 15 sind unter riesigem Polizeiaufgebot bereits scheinverpflanzt worden, es wird gebohrt und aufgerissen. Mittlerweile ist ein 50 Meter großes Plakat mit einer geschwindelten Visualisierung des "neuen" Bahnhofs - teuer bezahlt von unseren Steuergeldern - von zwei riesigen Kränen an einem großen Gerüst an der Stelle aufgehängt worden, an dem letzten Sommer noch der Nordflügel zwischen vielen grünen Bäumen stand. Die Mahnwache ist nach wie vor immer noch dort, rund um die Uhr besetzt seit nunmehr über sieben Monaten - ein Fels in der Brandung für uns alle ;-)

 

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Ein großes Danke an Fluegel-TV und die mittlerweile vielen MitarbeiterInnen, die uns ihre ganze Freizeit schenken, damit wir alle immer live dabei sein können oder uns die Filme nachträglich anschauen können!

 

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Bodenfrost 03/04/2011 11:52


Ein wunderbarer Bericht, der denen tiefere Einblicke erlaubt, die erst später zum Widerstand gestoßen sind. Vielen Dank für den Text und natürlich auch vielen Dank an Flügel.TV!


stuttgart-steht-auf 03/04/2011 15:42



Genau darum gehts bzw. ist es auch fuer die gedacht, die nicht viel vom Protest wissen - aber es geht auch darum, die Erinnerungen, also Momente und Eindruecke, die wir letztes Jahr erlebt haben,
festzuhalten. Es geht immer alles so schnell verloren, weil so viel Neues nachrueckt. An sich haette der Text wesentlich laenger und ausfuerlicher werden muessen, aber es fehlt immer irgendwie
die Zeit dazu...



Kiat Gorina 03/03/2011 20:51


Liebe Morrighan, diese Geschichte von fluegel.tv finde ich sehr spannend und sehr lehrreich. Zeigt sie uns doch, wie aus ganz kleinen Anfängen etwas Großes entsteht. Und zu welchen Leistungen
Menschen fähig sind! Und all diesen Menschen sei Dank, kämpfen sie doch friedlich für eine bessere Welt! Solidarische Grüße, Kiat


stuttgart-steht-auf 03/04/2011 01:42



Hallo Kiat


 


Es ist unglaublich, was sich in dem einen Jahr alles getan hat, wie viel Aktivitaeten es gegeben hat, was wir alles bewegt haben. Die S21-Verantwortlichen haben ein riesiges Transparent schraeg
gegenueber dem Nordfluegel haengen, auf dem sie fuer S21 Werbung machen. Als grosse Ueberschrift darueber: Stuttgart 21 bewegt das Land! Mal abgesehen davon, dass sie das Land tatsaechlich
bewegen mit ihren Baggern und Bohrungen ist es eine Frechheit schlechthin, denn nicht Stuttgart 21 bewegt das Land, sondern wir!