Gedanken beim Flyer-Verteilen

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Gedanken beim Flyer-Verteilen (von Ingrid)

 

In den letzten Wochen vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg haben die Gegner von Stuttgart 21 nochmals alle Kräfte mobilisiert und eine konzentrierte Info-Kampagne in Stuttgart und der Region gestartet.

 

Wie unzählige andere freiwillige HelferInnen bin auch ich viele Kilometer Stuttgarter Pflaster abgelaufen, um Info-Flyer in die Briefkästen der Stuttgarter Haushalte zu verteilen.

 

Staunend stellte ich bereits bei der ersten Verteilrunde fest, dass Briefkasten durchaus nicht gleich Briefkasten ist. Und dass die Flyer-Verteilung vor allem in Stadtgebieten mit vielen Einzel- und Doppelhäusern eine zeitraubende Angelegenheit sein kann, weil jeder Briefkasten seine Eigenheiten hat, die berücksichtigt werden wollen.

Auch blieben die Gedanken nicht bei den Briefkästen stehen, sondern wanderten ganz automatisch weiter zu den jeweiligen Besitzern.

 

Die unüberschaubar große Vielfalt an Briefkästen machten das Verteilen zu einem wirklich  abwechslungsreichen Erlebnis.

 

Da gibt es Briefkästen, die unübersehbar signalisieren, dass die Besitzer Menschen mit Geld und Geschmack sind: das Design ist edel, das Material ausgesucht, der ganze Kasten sauber und gepflegt. Eine Augenweide. Nach dem ersten bewundernden Blick folgt dann allerdings die  Ernüchterung, wenn sich der bis dahin beeindruckten Austrägerin partout nicht erschließen will, wo die Post eingeworfen werden muss. Oben ist kein Schlitz und auch kein Deckel, den man aufklappen könnte. Auch die Front des Kastens zeigt sich unzugänglich und so bleibt nichts übrig, als das Ding abzutasten nach verborgenen Öffnungs-Mechanismen, die ja irgendwo vorhanden sein müssen, falls es sich nicht um eine bloße Briefkasten-Attrappe handelt. Beim Abtasten versuche ich, möglichst wenige Fingerabdrücke auf dem glänzenden Material zu hinterlassen, die das edle Aussehen etwa schmälern könnten.

Endlich finde ich heraus, dass sich der Kasten seitlich aufklappen läßt und der Flyer horizontal mit leichtem Schwung eingeworfen werden kann.

 

Leider kann ich diese Erfahrung nicht verwerten, da sich auf meiner Runde kein zweiter Kasten mit dieser raffinierten Öffnungstechnik findet.

 

Andere Briefkästen sind so versteckt angebracht, als wollten die Besitzer von den trivialen Dingen dieser Welt möglichst wenig belästigt werden und deshalb auch keine Post empfangen.

 

Manche Briefkästen aus Metall haben fiese kleine „Zähne“ am Einwurfschlitz, die verhindern sollen, dass unbefugte Hände die Post aus dem Kasten fingern. Gegen diese Vorsichtsmaßnahme ist generell nichts zu sagen – allerdings ist man als harmlose Verteilerin gut beraten, den Flyer mit spitzen Fingern in den Kasten fallen zu lassen, da man sonst schmerzhafte Verletzungen wenn nicht gar den Verlust eines Fingerteils riskiert.

 

Gefahren ganz anderer Art drohen bei Briefkästen, die hinter dem Gartentürchen angebracht sind. Unversehens kann hier der Haushund auftauchen, der eisern entschlossen sein Revier gegen jeden Eindringling verteidigt. Gut, dass ich nur einem Rehpinscher gegenüber stand – der allerdings das Ego eines Bullterriers hatte und mich zumindest in leichtes Erstaunen versetzte mit seinem aufgeregten Gekläffe.

 

Nachdenklich stimmten mich die Briefkästen, die den Flyer noch nicht ganz verschluckt hatten, als schon die Haustür aufging und ein – zumeist alter – Mensch herauskam, um nachzusehen, welche Neuigkeiten ihm gebracht wurden. Immer hatte ich den traurigen Eindruck, dass Postboten und Verteiler von Werbeblättchen oder Flyern die einzige Verbindung zur Außenwelt darstellen, die diesen Menschen geblieben sind.

 

Mit Blume

 

Andere Briefkästen machen schon von weitem klar, dass hier die Post für eine fröhliche Familie gesammelt wird. Die Kästen sind beklebt mit Blumen- und Tierbildern, manchmal mit Fingerfarben bemalt und oft stehen die Namen aller Familienmitglieder selbstbewußt nebeneinander auf dem Kasten.

 

Eins der schönsten Briefkastenerlebnisse war ein Kasten, der von einer Art Gerüst umgeben war, an dem ein großes Plakat hing, das darum bat, sich von diesem Kasten fernzuhalten, weil Vögel drin brüten. Die Post sollte stattdessen in einen Korb mit provisorischem Deckel geworfen werden, der auf der anderen Seite des Wegs aufgestellt war.

 

Nicht wenige Briefkästen lassen einen tiefen Blick zu auf das aufgeräumte Innenleben ihrer Besitzer. Da ist akribisch aufgelistet, welche Post eingeworfen werden soll und welche nicht:

- die Kataloge eines großen schwedischen Möbelhauses: ja bitte!

- Wochenblatt: nein danke!

- Anzeigenblättle: nein danke!

- Wochenwerbung des Discounters mit dem blauen Logo: ja bitte!

- Wochenwerbung des Discounters mit dem gelben Logo: nein danke!

Und so weiter, und so weiter.

Diese Lektüre kostet zum einen Zeit und verrät zum anderen nicht, ob man den Flyer nun guten Gewissens einwerfen darf oder nicht.

 

Sehr lobenswert dagegen die Briefkästen in Mehrparteienhäusern mit pflichtbewußtem Hausmeister: klar und deutlich verkündet ein rotes Schild an diversen Kästen  „Werbung nein danke!“ während ein grünes Schild an anderen Kästen einlädt „Werbung, ja bitte!“

Diese klare und zeitsparende Kennzeichnung lernt man durchaus schätzen nach vielen Briefkästen mit langwierigen und teils widersprüchlichen Anweisungen.

 

Rätselhaft ist mir nach wie vor die große Zahl amerikanischer Briefkästen in einem einzelnen Sträßchen mitten in einem Wohngebiet mit vielen Gärtchen und Einzelhäusern. Zunächst dachte ich an amerikanische Famlien, die sich dort niedergelassen haben während ihres Arbeitsaufenthalts in Deutschland. Aber weit gefehlt: alle Briefkästen trugen deutsche Namen, die meisten davon unverkennbar schwäbischen Ursprungs wie „Häberle“, „Brüstle“, „Meischle“ etc.

Irritierend auch, dass amerikanische Briefkästen nicht verschlossen werden können. Vorn am röhrenartigen Kasten befindet sich eine Klappe, die ohne jede Sicherung auf- und zugemacht wird, was doch eigentlich so gar nicht dem schwäbischen Naturell entspricht. Schließlich könnte theoretisch ja jeder Passant einfach mal nachsehen, ob die Familie Häberle interessante Post bekommen hat. In diesem kleinen Sträßchen scheinen etliche untypische Schwaben zu wohnen …

 

Vereinzelt stößt man auf Briefkästen, die man nur mit ganz spitzen Fingern öffnet. Zum einen, weil die Scharniere des Deckels so verrostet sind, dass man befürchten muss, den Deckel gleich in der Hand zu behalten. Zum anderen, weil die Kästen Assoziationen an gemischte Insektenpopulationen heraufbeschwören, die man gar nicht näher erforschen möchte.

 

verrostet.jpg

 

Unbedingt erwähnt werden muss auch die Klangvielfalt der verschiedenen Briefkästen.

Es gibt Kästen, die klappern beim Einwerfen so laut und blechern, dass man unwillkürlich auf verärgerte Reaktionen wegen Ruhestörung wartet. Andere hingegen ploppen nur ganz vornehm und leise – ungefähr wie die Tür eines Rolls Royce, die sachte vom Chauffeur zugeschlagen wird.

Wieder andere lassen sich nur widerstrebend mit lautem Gequietsche öffnen – fast so, als wolle der Kasten verhindern, dass unangenehme Briefe wie Zahlungsaufforderungen des Finanzamts oder Bußgeldbescheide von der letzten Autobahnfahrt eingeworfen werden.

 

Bei großen Wohnblocks mit entsprechenden Briefkastenfronten bereitet das Einwerfen zwar keinerlei Schwierigkeiten, macht aber auch keinen Spaß, da die anonymen Briefkastenschlitze so gar keine Rückschlüsse auf die jeweiligen Besitzer zulassen.

 

Wohnanlage 

Briefkästen mit einem „Oben bleiben“-Aufkleber oder dem durchgestrichenen Stuttgart 21-Ortsschild haben mich gegrüßt wie Freunde und unwillkürlich mußte ich lächeln, wenn ich auf solche Kästen gestoßen bin, was recht häufig der Fall war.

 

An manchen Häusern konnte ich bereits an den Briefkästen sehen, wer von den Bewohnern Gegner und wer Befürworter von Stuttgart 21 ist. Und in diesen Fällen habe ich gehofft, dass die unterschiedlichen Meinungen im Inneren des Hauses genauso friedlich nebeneinander existieren konnten wie draußen die verschiedenen Aufkleber auf den Briefkästen.

 

Alles in allem habe ich bei diesen Verteilergängen wieder einmal festgestellt: Stuttgart ist eine wunderschöne Stadt und es lohnt sich dafür zu kämpfen, dass sie lebens- und liebenswert bleibt!

 

 

 


Veröffentlicht in Gaeste-Beitraege

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Ingrid 07/28/2011 18:17


"Man sieht nur, was man weiß". Leider hab' ich keine Ahnung, vom wem dieses Zitat stammt. Aber dass es stimmt, habe ich selbst x-mal erlebt.

In diesem Sinne: viel Spaß beim "Briefkasten-Viewing" auf dem nächsten Spaziergang :-))


Sebastian 07/28/2011 13:13


Danke für diese ausführliche Niederschrift deiner Gedanken. Ist wirklich interessant zu lesen und ich werde bei künftigen Spaziergängen bestimmt anders auf Briefkästen schauen ;)
Danke und weiterhin viel Spaß beim Flyer verteilen!


Ingrid 04/10/2011 18:20


Danke für die Blumen, lieber Bodenfrost :-))
Der Artikel ist sozusagen ganz von selbst im Kopf entstanden, während meine Füße treppauf - treppab gelaufen sind. Sag' ich doch immer: Laufen macht den Kopf frei :-)


Bodenfrost 04/10/2011 11:17


Ein großes Kompliment für diesen erfrischend andersartigen Text. Es lohnt sich immer wieder, die Augen offen zu halten für Dinge, die den meisten Menschen entgehen.


Ingrid 04/05/2011 00:11


Freut mich, dass Dir meine Gedanken gefallen haben, Juliane.
Herzliche Grüße an den Bodensee!