Die Mahnwache am Nordflügel - der Fels in der Brandung

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Heute mein Bericht zur Mahnwache am Nordflügel, die meines Erachtens immer ein wenig zu kurz kommt bei den vielen Berichterstattungen rund um unsere Bewegung. Das mag einesteils daran liegen, dass sie nun schon seit bald acht Monaten besteht, andererseits daran, dass sie eher unspektakulär und beharrlich ihren nicht unerheblichenTeil zum Protest beiträgt.

 

Die Mahnwache gibt es nun seit dem 14. Juli 2010, d.h. seit bald acht Monaten. Anfangs bestand sie "nur" aus einem Infotisch direkt an der Mauer des Nordflügels. Die MW fand dann schnell ihren Platz unter einem Pavillon an dem Ort, an dem sie noch heute steht: Direkt gegenüber dem Nordausgang. Relativ zügig kam noch ein Zelt der Versorger mit heissen Getränken, Brötchen und Kuchen dazu, der Pavillon wurde etwas später gegen ein richtiges Zelt ausgetauscht, denn ab etwa Mitte August letztes Jahr gingen die Temperaturen schnell Richtung Null Grad, vor allem nachts. Als es noch kälter wurde, wurde erneut "umgebaut". Das Winterzelt liess nicht so viel Kälte durch, von unten her wurde bestmöglich isoliert, weitere Plastikplanen oben dienten der zusätzlichen Kältedämmung.

 

Tausende angeregte Unterhaltungen und erhitzte Diskussionen fanden und finden dort vor und in der MW statt, es wird viel gelacht, fast immer ist die Stimmung ausgelassen, humorvoll, der Zusammenhalt deutlich spürbar. Die MahnwächtlerInnen müssen aber auch so einiges an Beleidigungen und Angriffen über sich ergehen lassen, denn hier gilt wie überall: Alles hat seine Sonnen- und Schattenseiten.

 

Letzteres war nachts, verstärkt an den Wochenenden deutlich spürbar. Meist handelt es sich um jüngere Männergruppen, die sich im alkoholisierten Zustand den MahnwächterInnen gegenüber beleidigend äusserten, ja sogar körperlich auf Angriff gingen. Plakate am Bauzaun wurden abgerissen, einmal musste ein am Zaun gelegter Brand mit einem Eimer Wasser gelöscht werden, Flyer und Buttons werden sehr aggressiv vom Infotisch geworfen. Tagsüber kamen und kommen mitunter schreiende K21-Gegner an die Mahnwache, mit denen Diskussionen nicht möglich sind. Da hilft nur noch: Schreien lassen, bis sie Luft holen müssen..

 

Die Mahnwache ist nicht nur Büro und Organisationszentrale für alle Fälle in einem, sondern auch Ort der Begegnung zwischen K21/Befürworterinnen und -gegnerinnen, für Reisende, Infopoint und Anlaufpunkt für alle, die Hilfe benötigen oder Fragen haben, die sich ihren zeitweisen Frust über die Politik und die radikale Vorgehensweise gegen unsere Bewegung von der Seele reden möchten. Manche kommen fast jeden Abend vorbei, um nach neuen Informationen zu fragen und ein Schwätzchen zu halten. Gruppen bilden sich vor der Mahnwache, tauschen Neuigkeiten aus, diskutieren, vor allem abends und an den Wochenenden. Kurz vor und nach der Demo platzt das Zelt fast aus allen Nähten, so groß ist der Andrang innen und davor. 

 

Als der Nordflügel letztes Jahr fiel, war es mitunter recht aufregend, denn alles konzentrierte sich auf die Blockaden, auf MW und Versorger. Leute übernachteten am Rondell beim Bauzaun und kamen mit ihren vielfältigen Bedürfnissen zur Mahnwache.

 

Nach dem "behutsamen Rückbau" des Nordflügels wurde es ruhiger. Die MW war immer noch Anlaufstelle, aber das Meiste konzentrierte sich eher auf den Park. Das Wetter wurde richtig stürmisch und kalt, mitunter hatten die MahnwächterInnen das Gefühl, das Zelt festhalten zu müssen. Zum frühen Winteranfang im November half es nur noch, ständig in Bewegung zu bleiben, Wärmepflaster an die Sohlen zu kleben, das Klamotten-Zwiebelsystem, heisser Tee und warme Gedanken. Bei heftigem Schneefall musste mit dem Besen das Dach abgeklopft und -gekehrt werden, damit unserem Zelt nicht das gleiche passiert wie dem Versorgerzelt, das unter den Schneemassen begraben wurde und danach weggeräumt werden musste.

 

Seit Anfang des Jahres spielt sich das Meiste wieder am Nordflügel ab, da die Bäume hier in Gefahr sind, dementsprechend ist der Platz am Nordausgang wieder Dreh- und Angelpunkt. Am 8.2. lief die Polizei in einem martialischen Auflauf von vier Richtungen ein und trotz allen Widerstands von unserer Seite konnten in den folgenden Tagen etliche Bäume in die verschiedensten Stadtteile scheinverpflanzt werden. Das erste Mal seit Beginn musste die Belegschaft das Zelt für kurze Zeit verlassen, als hinter der Mahnwache zwei Bäume entfernt wurden. Auch der Parkplatz wurde nun gesperrt, es finden Bohrungen statt, sie möchten den Bau des Technikgebäudes anfangen, so viele Schäden wie möglich anrichten, um die Unumkehrbarkeit zu erreichen.

 

Die Mahnwache steht allem zum Trotz immer noch - seit fast acht Monaten, nach wie vor rund um die Uhr besetzt.

 

Einen herzlichen Dank von mir an die etlichen Hundert MahnwächterInnen, die ihre kostbare Freizeit neben Familie und Arbeit in der Mahnwache einbringen und der ganzen Bewegung damit die Möglichkeit eines festen Anlaufpunktes bieten, für die Hilfe und Gespräche in stürmischen und nicht ganz ungefährlichen wie auch ruhigen und humorvollen Zeiten. Den Nachtschichtlern, die den Winter über ganze Nächte dort verbracht haben, noch einen Extra-Dank oben drauf, dass sie sich nicht  von der Kälte und Müdigkeit  haben unterkriegen lassen. Ein Hoch auch auf das unermuedliche Orga-Team!

 

Der Frühling steht vor der Tür, bald können die Zwiebelschichten abgelegt werden, das Leben wird wieder wärmer, leichter und beschwingter, der Winter ist so gut wie überstanden.


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                                                    Oben bleiben!


 

 

 

 

 


Veröffentlicht in Geschichte des Widerstands

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Bodenfrost 03/17/2011 08:42


Wir schlagen alle Dauer-Mahnwachen-Rekorde?!
Ich habe mir erlaubt, aus diesem feierlichen Anlass auch eine Kleinigkeit zum "grünen Zelt der Hoffnung" zu schreiben: http://bodenfrost.wordpress.com/2011/03/15/dauermahnwachenrekord/
... und da ich kein Googleberg bin, gebe ich auch meine Quellen an :-)


stuttgart-steht-auf 03/17/2011 12:13



Gut geschrieben und danke fürs Verlinken!  Googleberg netter Ausdruck für die Plagiatoren... gestern
bei Wiki gelesen: Plagiat = von lat. plagium, „Menschenraub", „Raub der Seele“.


...Seelenräuber... 



Ingrid 03/06/2011 20:42


Doch, es gab schon einige Dauermahnwachen:

2009 in Elsterberg - 8 Monate:

http://www.freiepresse.de/LOKALES/VOGTLAND/REICHENBACH/Enka-Mahnwache-Das-Feuer-erlischt-artikel1652159.php

Und eine immerhin 42 Tage dauernde Mahnwache gegen Tiertransporte:

http://www.tierrechte.de/p10002000x1001x13.html

Noch eine über 4 Monate am Bergwerk Niederberg:

http://www.klaushardelauf.de.tl/Die-Mahnwache-04-.-11-.-1996-bis-10-.-03-.-1997.htm

Die Liste ließe sich wahrscheinlich noch fortsetzen - aber so lange wie in Stuttgart hat's offensichtlich noch keine Gruppe ausgehalten :-)


stuttgart-steht-auf 03/07/2011 02:35



Danke fuer die Infos und Links, Ingrid. Elsterberg ist uns noch etwas voraus, denn wir erreichen die acht Monate erst Mitte Maerz. Die haben lange fuer ihre Jobs gekaempft...



Kiat Gorina 03/06/2011 19:53


Das ist sehr schön geschrieben und es wird Mut geben für andere Mahnwachen! Nur nicht aufgeben! Immer oben bleiben!


stuttgart-steht-auf 03/06/2011 19:59



Danke dir! Ich weiss gar nicht, ob es das schon mal in dieser Form gegeben hat, eine acht-monatige Mahnwache. Hast du Infos?