Stimmungsbilder des Protestes

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Stimmungsbilder des Protestes aus meiner Sicht - ich habe etwas in meinen Erinnerungen der letzten zwoelf Monate gekramt.

 

Die erste Aktion, bei der ich dabei war, war die auf dem Marktplatz im Maerz letztes Jahr. Wir trafen uns am Brunnen, ich war als erste da. Kaum hatte ich mich hingesetzt, fuhr ein Polizeiauto vor und mir wurde gesagt, dass diese Versammlung (die bereits mit drei Personen eine ist) nicht angemeldet sei und wir uns strafbar machen. In der Folge durften wir uns mit den Buchstaben am Ruecken (Buergerentscheid S21) nicht an der Stelle aufstellen, die von uns geplant war. Wir gesellten uns danach zu denen, die vor der Buehne standen - fast ausschliesslich Oben-Bleiben-ButtontraegerInnen. Jedes Mal, wenn Herr Schuster den Mund aufmachte, drehten wir ihm pfeifend den Ruecken zu. Er nannte uns dann undemokratisch, was wahre Entruestungspfeifkonzerte ausloeste. 

 

 

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Damals hat er es sich noch nicht traeumen lassen, dass er bald lieber Aussentermine wie den in Chile wahrnehmen wuerde, weil ihm ueberall nur noch "Oben bleiben" entgegen schallte. Wir zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht. Aber selbst in Chile blieb es ihm nicht erspart. Es soll ParkschuetzerInnen geben, die ueberall Verwandte und Bekannte haben. Pech fuer Schuster...

 

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Die Montagsdemos, damals noch vor der LBBW, die allmaehlich  immer groesser und unuebersichtlicher wurde. Das Parkschuetzerforum fuellte sich nach und nach mit renitenten RentnerInnen und wohlstandsverwoehnten BerufsdemonstrantInnen :) Viele Kontakte wurden geknuepft, es gab erste woechentliche Treffen, Stammtische, Gruppen entstanden allmaehlich. Im Park wurde der zweite Widerstandsbaum gepflanzt, nachdem der erste mit Reinigern und Salz von Unbekannten gegossen wurde. Jedes Wochenende wurden dort Info-Tische aufgestellt und mit SpaziergaengerInnen eifrig diskutiert. Erste Trainingskurse fuer Blockaden und rasselnden Kettenfans fanden statt. 

 

Die Freude war immer gross, wenn wir irgendwo in der Stadt anderen ButtontragerInnen begegneten, viele Gespraeche mit bis dahin Unbekannten ergaben sich. Schnell stellten wir fest, dass hier eine richtige Gemeinschaft entstand, mit Oben-Bleiben-Gruss, gegenseitiger Hilfe, viel Verstaendnis fuereinander, unglaublicher Power, Beharrlichkeit und der Bereitschaft, die komplette Freizeit, viel Geld und Energien hinein zu stecken.

 

Was sich niemand von uns zum Sommer hin wirklich vorstellen konnte: Der erste Baggerbiss in den Nordfluegel erfolgte, nachdem wir nachts vergeblich versucht hatten, die Bagger aufzuhalten. Die Nachricht dazu erreichte mich beim Arbeiten. Ich konnte frueher aufhoeren und fuhr in die Stadt. Um den Bahnhof herum war bereits Stau, also parkte ich mein Auto und lief den Rest zu Fuss, um dann ohnmaechtig zuschauen zu muessen, wie der Bagger sich Stueck fuer Stueck ins Mauerwerk frass (das nennt sich dann behutsamer Rueckbau). Da ich den Parkplatz wechseln musste, bin ich wieder zum Auto und stellte schnell zu meinem Erstaunen fest, dass ganz Stuttgart ein einziger Stau war. Zwei Stunden brauchte ich, um vom Bahnhof zur Landhausstrasse zu gelangen, weil alle wichtigen Kreuzungen in der Stadt von uns besetzt waren. Nichts ging mehr. In den Tagen danach pfiffen wir uns vor dem Zaun fast die Lungen aus dem Leib. Es gab eine Besetzung auf dem Bahnhofsdach von unserer Seite, bis vermummte Polizisten die Aktivisten herunter holten.

 

Als der Nordfluegel verloren war, verlagerte sich alles in den Park am Suedfluegel hinueber. Halbe, manchmal auch ganze Naechte verbrachten wir dort, immer im Alarmzustand und fuehlten uns richtig wohl, denn wir waren viele und wurden obendrein gut bewacht von durchmarschierender und -fahrender Polizei, immer verfolgt von unseren "Fahrrad-Aufklaerern", die arglos pfeifend ihre Schleifen drehten, um dann wieder gewaltig in die Pedalen zu treten, damit sie die Schlusslichter des Polizeiautos nicht aus den Augen verlieren.

 

Nach den Demos montags und samstags gingen wir immer in den Biergarten. Dort leuchtete es ueberall gruen von saemtlichen Baenken, an der Getraenke- und Essensausgabe: Fahnen, Buttons, Luftballons, Taschen, T-Shirts. Manchmal fing einer an, zu rufen: Oben bleiben! Oben bleiben! und spaetestens beim dritten Mal schallte es von allen Baenken des grossen Biergartens: Oben bleiben! Danach gings ab zur Mahnwache, Nachtdienst schieben oder nach Hause, um wenigstens ein paar Stunden zu schlafen, bevor wir wieder zur Arbeit mussten. Chronisch muede mit Augen auf halbsechs waren wir alle laufend, trotzdem war da eine Leichtigkeit, viel Humor, eine unglaubliche Ausdauer und viel Optimismus zu spueren.

 

Der August war kalt und regnerisch, der September nachts empfindlich kalt, was uns aber nicht abschreckte. Die Rowos (Robin Woods) richteten sich in einem Baum ein und bauten ein wunderschoenes Baumhaus, um den Baum herum schliefen im Gras Jugendliche. Kaum war das Haeuschen fertig, liefen Hundertschaften auf und holten die Rowos herunter. Das alles mit erschreckender Brutalitaet und ungeachtet dessen, dass sie Menschenleben gefaehrdeten. Eine Frau wurde von einem Polizisten ins Gesicht geschlagen. Im Rueckblick war klar, dass das der Zeitpunkt war, an dem die Polizei die Stuttgarter Linie endgueltig verlassen hatte, um  alsbald vollends zu eskalieren.  

 

Ende September dann die Stuermung des Parks. Da ich 19 Stunden vor Ort war, kann ich mit Fug und Recht sagen: Ein voellig unverhaeltnismaessiger Polizeieinsatz, provokativ, martialisch, menschenverachtend, der viele von uns voellig traumatisierte. Bei einem Ueberfall eines Raeubers in naechtlicher leerer Strasse waere es empoerend, entwuerdigend, verletzend. Dass es aber unsere eigene Regierung war, die da ueber die Polizei auf uns eingeschlagen liess, machte es um vieles schlimmer. Dieser Vertrauensbruch auch zur Polizei macht vielen selbst heute noch zu schaffen, auch dass der ganze Einsatz und die Baumfaellungen illegal waren, brachte das Fass zum Ueberlaufen und machte uns bestimmten Personen gegenueber sehr nachtragend.

 

Montagsdemo 21.3.2011

 

Nach diesem Tag, am 1.10., demonstrierten 100.000 in Stuttgart. Die Empoerung und der Zorn waren deutlich zu spueren und zu hoeren. Die Leichtigkeit war dahin, der Winter und die Kaelte kamen, es gab Einbrueche auch durch den Faktencheck. Der Suedfluegel wurde entkernt und der Untersuchungsausschuss kam zu dem Ergebnis, dass der Polizeieinsatz rechtens war - wir hatten es nicht anders erwartet, kannten wir doch die Vorgehensweise und Kriminalisierungen gegen uns bereits.

 

Es wurde in den kalten Monaten viel fruehmorgens blockiert, es galt die Mahnwache mit etlichen Schichten auch bei Schnee und Frost ueber die Runden zu bekommen, aber letzten Endes haben wir den Mut nicht verloren, sondern durchgehalten.

 

Anfang des Jahres gab es den naechsten grossen Polizeieinsatz, bei dem 1000 von uns am Nordfluegel versuchten, die Baeume vor dem  Versetzen, von dem wir wussten, dass das das ihr Ende waere, zu bewahren. Hundertschaften liefen wieder einmal auf, die Baeume wurden herausgerupft und abtransportiert. Riesige Geraete bohrten sich ueberall in Stuttgart in die Erde, um den Untergrund zu ueberpruefen, zig Baustellen entstanden, an allen Ecken und Enden wurde aufgerissen, gebaggert, gebaut.

 

Dem setzte der Wahltag = Zahltag

 

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(Mappus wollte es ja nicht glauben, was wir ihm monatelang prophezeit haben und wer nicht hoeren will muss fuehlen :) vorerst ueber Baustopp ein Ende - zumindest scheinbar, denn nach wie vor wird weitergebaut. Sogar mit Stirnlampen haben sie heimlicherweise den Suedfluegel bei Nacht- und Nebelaktionen restentkernt. So wirklich kehrt also auch waehrend dem vollmundig angekuendigten Baustopp keine Ruhe ein. Mittlerweile haben wir uns allerdings erholt, die Temperaturen sind gestiegen, die Leichtigkeit hat uns wieder. Gleichgueltig, was im Mai auch immer auf uns zukommen mag: Ueber dem Projekt Stuttgart 21 scheint mir seit langem der Pendel des Todes zu schwingen. Vieles von dem, was in den letzten Monaten passiert ist, weist darauf hin und wir tun unser Bestes, das Ganze noch zu beschleunigen.

 

 

Wir bleiben oben! Da bin ich mir absolut sicher!


 

Montagsdemo 21.3.2011

 


 

 

 

 

 

 

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Ingrid 04/18/2011 16:13


Mal sehen, was mir dazu einfällt ... :-)


stuttgart-steht-auf 04/18/2011 16:56



In gespannter Erwartung :)



Ingrid 04/16/2011 01:03


Und gleich ist beim Lesen die Stimmung der heißen Sommertage, der kühlen Herbstnächte im Park und der eiskalten Stunden, die wir im Winter im Freien verbracht haben, wieder da!
Die Leichtigkeit, die Freude über das Gefühl der Solidarität, der Zorn beim ersten Baggerbiss, die Trauer, als Bäume fielen ... als ob es erst gestern gewesen wäre.


stuttgart-steht-auf 04/18/2011 03:38



Vielleicht moechtest du mal in deinen Erinnerungen kramen und was einstellen, was dir wichtig oder interessant erscheint?